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Wo ist das Kind, das ich war?
Philosophie Magazin Heft 1/2018 erscheint am 16. November

Berlin im November 2017 – Dieser Mensch auf dem Foto, der mit Zahnlücke in die Kamera lächelt, das soll einmal ich gewesen sein? Fast unmöglich, ein Verhältnis zu den eigenen Anfängen zu finden – jenseits von Nostalgie und romantischer Verklärung. Aber auch frei von der Illusion, die biografische Vergangenheit ganz hinter sich lassen zu können. Während die einen die Infantilisierung der Gesellschaft beklagen, fordern andere eine heilende Rückkehr zum inneren Kind. Ist der Weg ins Erwachsenenleben notwendig der einer Desillusion und Selbstentfremdung? Und was könnte das überhaupt heißen: erwachsen sein?

Dossier
WO IST DAS KIND, DAS ICH WAR

Einführung
Zum Kinde werden? – Von Wolfram Eilenberger
Wie könnte ein produktiver Umgang mit der eigenen Kindheit aussehen, der nicht der Infantilisierung Vorschub leistet, sich aber auch nicht in bloßer Nostalgie erschöpft?
Zitat:
„Führe und bedenke dein Leben so, dass du dir die Frage nach dem Kind, das du warst, nicht unter dem Aspekt der Nostalgie stellen musst. Und auch nicht unter dem des dauerhaften, schuldbeladenden Bedauerns.“

„Die Romantiker entdeckten das Kind in uns“ – Gespräch mit der Erziehungswissenschaftlerin Maike Sophia Baader
Zitat:
„Sie wären erschrocken, wenn Sie sich manche Zeugnisse über den Kindstod aus der Frühen Neuzeit ansehen würden. (…) Enge und innige Beziehungen zu den Kindern aufzubauen, wäre für Eltern emotional viel zu riskant gewesen – denn die Hälfte der Kinder starb ohnehin. Unsere Kinderliebe hat also auch viel mit den Fortschritten der Hygiene und Medizin zu tun.

Im Anfang ist das Staunen – von Dominik Erhard
Das erlebt der Autor im österreichischen Vorarlberg im Gespräch mit 14 kleinen Philosophen. Hier wird deutlich, was das kindliche Denken so besonders macht: eine Mischung aus wahrhaftigem Staunen, blitzartiger Erkenntnis und dem Fehlen von Selbstverständlichkeiten.
Zitate:
Levin (9): „Es ist ja auch gut, dass wir alle ein bisschen anders sind. Wenn das nicht so wäre und alle wie wir hier philosophieren würden, würde keiner Häuser bauen, obwohl ja auch jemand Häuser bauen muss. Es ist also auch wichtig, dass verschiedene Menschen verschiedene Sachen machen.”

Adriana (8): “Aber schon wichtig wäre, dass jeder andere Sachen fühlt. Wenn nämlich alle gleichzeitig traurig wären, gäbe es niemanden, der trösten könnte und so würden alle immer traurig bleiben. Außer­dem ist es auch nicht schlecht, dass uns alle verschiedene Sachen glücklich machen. Manche mögen eben Fußball und andere Pferde.“ 

„Wir dürfen die Kindheit nicht verklären“ – Susan Neiman im Gespräch
Zitate:
„Wir verstehen das Erwachsensein als Resignation, als das Aufgeben von Abenteuern, Veränderungen und Erlebnissen. Und da steckt auch eine politische Botschaft drin: Erwarte nichts vom Leben, erwarte nichts von dir selber!“

„Die Idee, dass man nach dreißig nicht neu anfangen könne, ist einfach perfide.“

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Außerdem:

Orhan Pamuk im Großen Gespräch: „Es bedarf einer Ethik des Widerstands“
Zitate:
„Alle Türken, selbst jene, die Erdogan wählen, sind stolz auf die von Kemal Atatürk gegründete Republik. Wir haben keine Demokratie mehr, doch selbst in dem kläglichen Zustand, in dem wir uns befinden, sind wir das demokratischste aller muslimischen Länder. Und darauf sind wir stolz.”

„An die 170 Journalisten sitzen in Haft, die beschuldigt werden, Terroristen zu sein. Das ist die Situation, wie sie sich im Laufe der letzten drei Jahre entwickelt hat. Ich bin wütend und sehr beunruhigt. Leider kommt der Autoritarismus leichter durch, als ich geglaubt hätte.”

„Ich schreibe Romane. Nicht um die Gesellschaft zu verändern. Das ist gewiss einer meiner geringsten Beweggründe. Ich glaube, dass die journalistischen Kommentare viel wichtiger sind. Und zuweilen fühlt man sich kastriert und hat Lust, selbst politische Kommentare abzugeben und jene Katharsis durchzumachen. Ich bin nie für meine Romane, immer nur für meine Äußerungen in der Presse verfolgt worden.“

Kibbuz: Wie Utopien enden – Reportage von Philipp Felsch
Die israelischen Landkommunen waren Laboratorien utopischer Gesellschaftsentwürfe. In der sozialistischen Basisdemokratie sollte der Neue Mensch entstehen. Inzwischen haben die meisten Kibbuzim die Privatisierung eingeleitet. Völlig vergessen sind die alten Ideale trotzdem nicht.
Zitate:
„Den Sozialismus können sich dagegen nur noch die Reichen leisten. Das ist die Ironie, die am Ende einer 100-jahrigen Geschichte steht.“

„Kein Kibbuznik, der nicht früher oder später auf das Problem der „Parasitim“ zu sprechen käme: auf den Nachbarn, der immer erst am späten Vormittag bei seinem Alibijob in der Kibbuzwäscherei erscheint, oder auf die Frau, die Fleischbällchen vom Buffet klaut, anstatt Katzenfutter zu kaufen.“

Michel Serres – Die Dialektik von Herr und Roboter
Zitate:
„Werden wir zu Sklaven des Digitalen? Das kommt auf uns an. Aber so formuliert, müsste man auch fragen, ob wir nicht Sklaven der Sprache, der Schrift, all der Geräte sind, die uns in unvorstellbarer Anzahl umgeben, ein ganzes Habitat bilden. Versuchen Sie doch mal, ohne Grammatik, ohne Rezepte, ohne – einfache mechanische oder symbolische – Maschinen zu leben. Wir arbeiten und denken mit ihnen.

„Was ist an unseren Algorithmen im Vergleich zu denen unserer Vorfahren wirklich neu? Häufig gehen wir bei der Beantwortung dieser Frage in die Irre, weil wir davon ausgehen, dass die digitale Revolution eine neue industrielle Revolution darstellt. Dem ist aber nicht so.“

Insektensterben – Gespräch mit dem Umweltethiker Martin Gorke
Zitate:
„Es ist Aufgabe der Ethik, nicht vorhandene Sympathiegefühle zu kompensieren.“

„Die „holistische“ Ethik unterscheidet sich von der anthropozentrischen dadurch, dass sie nicht nur Menschen, sondern allen Naturwesen und Gesamtsystemen einen moralischen Status zugesteht.“

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Aktuelles

Europas neuer Jugendstil – von Philipp Felsch
In Österreich könnte bald ein 31-Jähriger Bundeskanzler werden. Nicht nur hier stellt sich die Frage: Stehen die Jungen auch für eine neue Politik?
Zitat:
„Walter Benjamin musste die bittere Erfahrung machen, dass der Jugendbonus in der Politik besonders den Nationalsozialisten zugutekam. Als „Partei der Jugend“ gelang es ihnen gegen Ende der 1920er­ Jahre aus der Tatsache Kapital zu schlagen, dass ihr Personal im Schnitt zehn bis 15 Jahre jünger als das der älteren Parteien war.”

Islamischer Feiertag für Deutschland? Ein Pro und Contra von Hilal Sezgin und Volker Gerhardt
Mit seiner Offenheit gegenüber der Einführung eines muslimischen Feiertags provozierte Thomas de Maizière (CDU) eine Kontroverse. Grüne wie auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken begrüßten den Vorstoß, während es aus den eigenen Reihen Kritik hagelte. Bleibt die Frage: feiern oder nicht feiern?
Zitate:
„Dem Islam“ ist es völlig egal, ob er im deutschen Kalender gewürdigt wird. Dies kann höchstens einen subjektiven Unterschied für hiesige Muslime machen. Vor allem aber sorgt ein gesetzlicher Feiertag dafür, dass die meisten Menschen dann frei haben und entsprechende Riten vollziehen können.“ (Hilal Sezgin)

„Dem Islam bei seiner Integration in die Weltgemeinschaft zu helfen, ist ein Gebot der Aufklärung. Zu unterstellen, er habe diese schon hinter sich, bewirkt indes das Gegenteil. Seine Emanzipation aus eigener Kraft zu bewältigen, kann ihm niemand ersparen. Deshalb sollte man dem Islam nicht durch besondere Zugeständnisse entgegenkommen.“ (Volker Gerhardt)

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Autorendossier:

 Platon und das Virtuelle

 

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